ᐅ Lost Places Niedersachsen: Schloss Arensburg

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Lost Places in Niedersachsen

Das Schloss Arensburg mit seinen 80 Zimmern gehört zu den imposantesten der “verlassenen Orte” in Niedersachsen. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde es renoviert und zu einem Büro- und Verwaltungsgebäude umgebaut.Danach wechselte die Immobilie mehrfach den Besitzer – einige hatten zwar Ideen, investierten aber nicht, andere träumten von einem Heim für Althippies. Eine der anderen zeitweiligen Eigentümer, eine Zahnärztin aus Münster, ersteigerte das Schloss für 254T EUR, hatte es aber vor dem Kauf gar nicht gesehen.

 

Seltsame Geschichten um Schloss Arensburg in Steinbergen.

Wie konnte es passieren, dass sich der Kaufpreis eines echten Schlosses in der Nähe von Bückeburg innerhalb weniger Jahre von mehr als 11 Millionen auf knapp 200.000 Euro verringerte?

Ein Domizil, in dem sich noch Ende des vergangenen Jahrhunderts Prominente wie Gerhard Schröder, seinerzeit noch mit Gattin Hiltrud, oder Christian Wulff mit der Schaumburger Unternehmerelite trafen. Rita Süssmuth kam zu Besuch und Hannelore Kohl war bei einem der Kammerkonzerte, die im „Blauen Salon“ stattfanden,zugegen.

Sogar Sigmar Gabriel zwängte sich in den neu erbauten schmalen Aufzug, der vom Erd- in das Obergeschoss führte.

Schloss Arensburg, Außenansicht von Süden © dreamworx 2016
Schloss Arensburg © dreamworx 2016

Die Blütezeit des Schlosses Arensburg mit seinen 85 Zimmern begann wohl 1989, als es der Immobilienunternehmer, Finanzdienstleister und Honorarkonsul Dieter Kindermann erwarb und mit hohem finanziellen Aufwand zu einem Büro- und Verwaltungsgebäude umbaute, indem er u. a. kilometerlange Leitungen für Computer verlegen ließ. Er war der Gastgeber o. g. Polit-Prominenz, der Spenden sammelte und an Hilfsorganisationen weiterreichte.

Glanz und Glamour hatten schon immer eine besondere Anziehungskraft und Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft gehören zum Tagesgeschäft.
Der Verdacht der Kumpanei oder gar Vetternwirtschaft kommt dabei – wie danach im Fall Wulff – aber nur gelegentlich auf.
Dennoch haben dem Herrn Dr. eh Kindermann und seiner Fortissimo Immobiliengesellschaft die Kontakte wenig genutzt, der Niedergang ließ sich nicht aufhalten:
Nach der Insolvenz des Immobilienunternehmens im Jahr 2004 stand die Arensburg leer.


Ein Abstieg auf Raten

3,93 Millionen Euro wollte Kindermann im Mai 2003 noch für das Schloss haben – so wurde es im Immobilienteil „Der Welt“ angeboten. 188000 Euro war im Juni 2012 dann das Mindestgebot bei einer Versteigerung der Westdeutschen Grundstücksauktionen GmbH in Köln.

Wenn man den Gerüchten Glauben schenken will, soll die Zahnärztin und Geschäftsfrau Dr. Christiane Bennink aus Münster das Schloss Arensburg incl. Hexenteiche in einem Telefongespräch aus dem Auto heraus für 254000 Euro ersteigert haben, ohne es vorher jemals gesehen zu haben.

Schloss Arensburg - Blauer Salon © dreamworx 2016
Schloss Arensburg – Blauer Salon © dreamworx 2016

Your Own Fault

„Vorsicht ist die Mutter… „
nein, richtiger wäre:
„Wer einmal über’s Ohr gehauen wurde, der hört beim nächsten Mal besser.“ (Ernst R. Hauschka)
Oder noch treffender:

Man wird am ehesten betrogen, wenn man sich für klüger hält als die anderen. (François de La Rochefoucauld)

 

Fakt war jedenfalls: Der Vorbesitzer Heinrich Gruber (Erfinder aus Kärnten, Österreich) hatte annähernd nichts in den Erhalt der Immobilie investiert. Er hatte sich auch nie konkret geäußert, was er denn mit ihr vorhätte: Eine WG für Althippies? Ein landwirtschaftliches Alternativprojekt? Ein Erfinderzentrum?


Rechte, Rotlicht, Rocker

Nach zwei Jahren war die Ära Gruber schon wieder vorbei.
Auf einem großen Schild vor dem Schlosstor teilte Gruber öffentlich mit, dass er das Schloss verkaufen wolle – „an Rechte, Rotlicht, Rocker und Sekten“ oder auch an “Islamisten, Rechte, Linke”, das Anwesen sei “Ideal zur Gründung eines Mikrostaates”.

Der schnauzbärtige, rustikal wirkende Gruber phantasiert auf dem Plakat vom “Kampf gegen den Raubtierkapitalismus”.

Angeblich soll bereits damals eine rechte Gruppierung Interesse an dem Schloss bekundet haben, um eine Art Schulungszentrum zu errichten, berichtet die “Schaumburger Zeitung”.
Und so spukt noch immer das Gerücht durch die Köpfe der Einwohner Steinbergens, ein Bordell könnte es werden. Kindermann selbst hatte die Annahme befördert, als er unumwunden eingeräumt hatte, dass es eine Anfrage aus Belgien gegeben hätte. Kindermann, der immerhin fast sechs Jahre lang einen Käufer für das Schloss aus dem 13. Jahrhundert suchen musste, hatte damals erkennen lassen, er habe aus „moralischen Gründen“ abgelehnt.

Käuflicher Sex in seiner Burg, in der sich so viele Promis die Klinke in die Hand gegeben haben?

Nicht doch.

Johannes Baeck 1637 Der verlorene Sohn
Johannes Baeck 1637 Der verlorene Sohn

Ein Bordell in Steinbergen – kein Drama

Das sehen einige lokalpolitische Größen dann doch etwas anders: „Ein Bordell wäre kein Drama“.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein Bordellbetrieb ist schließlich ein staatlich anerkanntes Gewerbe, das Gewerbesteuer abwirft und möglicherweise den Fremdenverkehr fördert.
Man stelle sich vor, hier könnte sich jeder – mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet, versteht sich – im “Blauen Pompeij-Salon” des „Lido Schloss Arensburg“ verlustieren. Und wenn sich der Besucher bei einem Glas Champagner für eine von den Damen entschieden hätte, dürfte er die Kulisse für das Liebesspiel aussuchen. Römische Tempelästhetik oder mittelalterlicher Foltersaal, Louis XI-Prunk oder Piratenkoje?

So gesehen kann man von Glück reden, dass die Münsteranerin das Schloss erworben hatte – obwohl es zunächst schien, dass sie sich selbst nicht über den Verwendungszweck im Klaren war.
Ob sich ein Hotel, wie es früher einmal eins war, lohnen würde, erschien zweifelhaft. Zu Wohnzwecken ist das Schloss vor allem wegen der Nähe der Autobahn kaum geeignet.
Auch die Hoffnung auf eine sichere Geldanlage, Beton- in diesem Falle Bruchsteingold, schied wohl wegen immenser Unterhaltungs- und Instandhaltungskosten der immerhin 1900 qm Wohnfläche ziemlich schnell aus.

Unterdessen wurde deutlich, dass für die Schlossherrin die Immobilie ein Spekulationsobjekt war, das möglichst gewinnbringend verkauft werden sollte, was dann auch relativ flott ging:
Die von ihr für 254 000 Euro bei einer Auktion der Westdeutsche Grundstückauktionen GmbH am 16. Juni 2012 in Köln ersteigerte Arensburg war Ende 2013 bei Immobilien Scout24 für 490 000 € wieder auf dem Markt.

Das wären ja ‘mal eben – zwei hin, drei im Sinn – annähernd 100% gewesen. Gute Marge, das.

Inzwischen ging es in erster Linie darum, größere Schäden an der Bausubstanz zu verhindern: Das Eindringen von Wasser durch das Dach und durch schadhafte Fenster. Diverse Fenster waren nicht mehr dicht, drei Fensterflügel sogar komplett verschwunden. Im Schloss gab es auch massive Vandalismusschäden.


Frühling 2016:

Seit Anfang 2016 ist die “Dolphin Trust GmbH” mit Sitz in Langenhagen Eigentümerin der Arensburg, die sie für 300 T € erworben hat. Die Firma ließ verlauten, dass sie Eigentumswohnungen im Schloss einrichten lassen will. Zu diesem Thema und der 50 Meter entfernten Autobahn habe ich weiter oben schon etwas geschrieben. Man muss eben die Tatsachen kennen, ehe man sie verdrehen kann.

Sollte es etwa auch hier lediglich um Spekulation und Steuerersparnis gehen?
Aktueller Stand der Dinge: Die Aventura Capital Partners, ein Unternehmen, das historische Gebäude kauft, modernisiert und einer neuen Nutzung zuführt, hat mitgeteilt, dass sie in kurzer Zeit „das perfekte Konzept“ für die Nachnutzung der Arensburg präsentieren will.

Schloss Arensburg um 1840, altes Gemälde
Schloss Arensburg um 1840

Sozialbindung – Fehlanzeige

„Eigentum verpflichtet.“

So haben es die Mütter und Väter der bundesdeutschen Verfassung 1949 niedergeschrieben. Und zugleich eine Bedingung damit verknüpft:

„Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Letzterem sind die Eigentümer des Schlosses Arensburg nur sehr sporadisch nachgekommen, z. B. in den 50iger und 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der wunderschöne Park des Schlosses für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden war.

Damals wurde immerhin ansatzweise der Artikel 14, Absatz 1 im Sinne von „Sozialpflichtigkeit“ oder „Sozialbindung“ des Eigentums umgesetzt.
Von einer solchen Haltung scheinen die ehemaligen Eigentümer des Schlosses doch einigermaßen weit entfernt gewesen zu sein.

 

Bildergalerie: Auf ein Bild klicken, sich zurücklehnen und ansehen.

Schloss Arensburg bei Steinbergen / Rinteln
Schloss Arensburg bei Steinbergen / Rinteln
Schloss Arensburg - Kaminzimmer
Schloss Arensburg – Kaminzimmer
Schloss Arensburg - Fahrstuhl
Schloss Arensburg – Fahrstuhl
Schloss Arensburg - baulicher Zustand
Schloss Arensburg – baulicher Zustand
Schloss Arensburg - Blick aus dem Turmzimmer
Schloss Arensburg – Blick aus dem Turmzimmer
Schloss Arensburg - Ansicht mit Turm
Schloss Arensburg – Ansicht mit Turm
Schloss Arensburg - Blauer Salon
Schloss Arensburg – Blauer Salon
Schloss Arensburg - Turm
Schloss Arensburg – Turm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Video (HD): Das Märchenschloss

 

Impressionen vom Verfall des Schlosses Arensburg

Dunkle Zeiten

1943 wurde von der Gestapo in Lahde ein „Arbeitserziehungslager“ eingerichtet, dessen Außenstelle die Arensburg war. Hier wurden in der Zehntscheune internationale Häftlinge untergebracht und zu schwerster Zwangsarbeit im nahen Steinbruch am Messingberg gezwungen.

Im folgenden Beitrag gibt’s mehr Informationen zu Steinbruch und Arbeitslager, zur mutwilligen Zerstörung der Natur, zu den Eigentumsverhältnissen und Verantwortlichkeiten und zu der Frage, wie man aus Flusssand Gold machen kann.

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2 Antworten

  1. Jenny

    Mein Mann und ich haben vor 30 Jahren dort im Turmzimmer übernachtet und im blauen Salon gefrühstückt. Es war für uns ein unvergessenes Erlebnis mit Anfang 20 und wenig Geld in der Tasche. Schade das es so verfällt! Mich würde interessieren wie es dort weiter geht.
    LG

  2. Lena

    Hallo,
    ich fahre fast täglich an der Arensburg vorbei, habe aber überhaupt nicht gewusst, welches historische Kleinod sich hinter dem hohen Zaun und den Bäumen versteckt!
    Dank deiner tollen Fotos und der super recherchierten Daten und Fakten habe ich viel dazugelernt.
    Wie hast du die tollen Innenfotos gemacht? Kann man die Burg besichtigen?

    Eines ist sicher; hier schaue ich öfter vorbei. Ich bin jetzt schon gespannt auf deine nächsten Artikel!
    LG

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